Das tolle Timing der Atomlobby

Diese Woche war wieder mal gepackt mit energietechnischen Anachronismen. Am Mittwoch feierte das ZDF Deutschlands Innovationskraft und verlieh den Zukunftspreis des Bundespräsidenten. Nominiert waren auch die Solarreceiver der Firma Schott, welche die Sonnenenergie für den Antrieb eines Dampfkraftwerks nutzen. In Gläsernen Rohren wird ein Thermoöl durch die Sonne auf 400 Grad erhitzt, um Dampf zu erzeugen, der wiederum einen Generator antreibt. Eine Fläche von 300 mal 300 km in der Sahara mit den dafür nötigen Parabolrinnenkollektoren würde reichen, um den Strombedarf Europas zu decken. Sozusagen ein Turbolader für erneuerbare Energie. Könnte sein, dass sie das Erbe der Ölbohrtürme antreten.

Am Donnerstag präsentierten die Schweizer Energiekonzerne ihre Pläne zur zukünftigen Deckung des Schweizer Energiebedarfs: Drei neue Atomkraftwerke sollen für unsere Stromautos dereinst den Saft generieren. Vier Tage zuvor stimmte die Stadt Zürich mit 76% für den langfristigen Ausstieg aus der Kernenergie. Könnte es sein, dass unsere Energielobby vielleicht aufs falsche Pferd setzt?

Natürlich wäre ihr Kommentar hierzu, dass wir uns nicht vom Ausland abhängig machen dürfen, was unseren Energiehaushalt betrifft. In dieser Hinsicht müssten sie der ärgste Gegner der Erdölindustrie sein. Und der stärkste Promotor alternativer Energien, wie beispielsweise der neuen Solarkraftwerke. Die funktionieren nämlich nicht nur in der Sahara, sondern auch in der Schweiz.

 

 

Das abrupte Ende einer Ideologie

Erstaunliches spielt sich ab in dieser Zeit ökonomischer Rückbesinnung. Hätte man vor 12 Monaten eine Umfrage gemacht darüber, ob sich der Staat idealerweise aus der Privatwirtschaft raushalten soll, hätten wahrscheinlich über 70 % zugestimmt. Hätte man sie gefragt, weshalb das so ist, hätte ein Teil mit der Schulter gezuckt, ein grosser Teil jedoch hätte geantwortet: Weil der Staat den Markt nur negativ beeinflusst.

In dieser Antwort  liegt eine Gewissheit, die in den letzten Monaten ziemlich unter die Räder gekommen ist. Nicht einmal die miserabelste Staatsintervention würde  ein solches Desaster anrichten können, wie es unregulierte Märkte nun hinbekommen haben.

Das weit verbreitete Credo, dass der Staat in wirtschaftspolitischer Hinsicht dann die beste Rolle einnimmt, wenn er durch Abwesenheit glänzt, ist das Resultat einer äusserst erfolgreich verbreiteten Ideologie, die es geschafft hat, eine Theorie als die Wahrheit zu verkaufen.

Nicht überall ist diese Denkschule so erfolgreich gewesen: In Frankreich beispielsweise war es immer Common Sense, dass sich die Allgemeinheit in Form  des Staates am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt. Natürlich kann man anführen, dass Frankreich jede Menge Probleme hat in wirtschaftlicher Hinsicht; schaut man sich aber das Wachstum seines BIP der letzten 15 Jahre an, und legt die Kurve über jene der Schweiz und anderer Staaten, scheint unser westlicher Nachbar nicht im geringsten abzufallen mit seiner Staatsquote von über 50 %.


 

In der neuen Riege im Weissen Haus findet man lauter Cracks, die nie der neoliberalen Denkschule angehört haben, und deren Sachverstand ausser Zweifel steht. Die Rückkehr zu wirtschaftlichem Pragmatismus ist - bei allem Katzenjammer – der grosse Trost des Jahres 2008.

Endlich

Endlich ist es soweit: die USA haben ihren Präsidenten gewählt. Damit endet auch ein Wahlkrampf, an dem die restliche Welt als Zaungast beiwohnen durfte; eine Rolle, die auf Dauer aus psychohygienischer Sicht nicht unproblematisch ist: Wer kann schon behaupten, dass es ihn oder sie mit Stolz erfüllt, ständig über Kandidaten auf dem Laufenden gehalten zu werden, die gar nicht in unseren Breiten politisieren werden? Sich ständig in Diskussionen wiederzufinden über ein Land, das uns mit seiner Dominanz seit mindestens acht Jahren auf den Wecker geht? Und jeden morgen auf allen Kanälen und an erster Stelle die neuesten Umfragen aufgedrängt bekommen, bevor dann der Fokus auf Themen minderer, sprich nationaler Bedeutung gelegt wird?

Der Enthusiasmus der Medien für den US-Wahlkampf ist leicht verständlich, gibt er doch jede Menge saftiger Geschichten her, aus denen zum Schluss so etwas wie die mächtigste Politikfigur hervorgeht. Eine äusserst rationale Kalkulation, die für die meisten Mediennutzern nachvollziehbar ist. Durch die geradezu hysterische Berichterstattung wird sie jedoch arg strapaziert. Vor allem im Radio: Oder wen nerven sie nicht, die penetrant pathetischen O-Ton Einspielungen? Dann schreiben Sie unten Ihren Kommentar. Sehen Sie? Da steht nichts. Es gibt niemanden, der nicht darauf verzichten möchte.

Antiamerikanismus ist ein komplexes Syndrom, das primär von irrationalen Impulsen und subjektiven Wahrnehmungen genährt wird. Der mediale Overkill diesen Herbst war diesem leider nicht abträglich. Wenigstens ist es der neue Präsident. 

Ein verrückter Oktober

Ums kurz zu machen, hier meine Denkwürdigkeiten des Monats:


The world according to Weltwoche. 

Vom Neo- zum Nekro-liberalismus.

Superministerin Widmer-Schlumpf.

Krokodilstränen um Haider.

Ein Rohrkrepierer namens Sarah Palin.

Schwarzer Oktober, aber goldene Wochenenden.

Jeder zweite Tag bot eine optimale Gelegenheit, in den Aktienmarkt zu investieren.

Welche Schuldenbremse?

Welche Ordnungspolitik?

Peitschen-Steinbrück.

Ein Sozialist namens Sarkozy.

What bonus?

Erst die Ideologie, dann die Moral

„Deutschland macht Jagd auf ihre tüchtigsten Bürger“ titelte die Weltwoche sinngemäss, und offenbarte damit ihre monströsen ideologischen Scheuklappen wie auch den Subtext, den der Liechtensteiner Steuerskandal begleitet. Denn nichts anderes als Ideologie ist verantwortlich dafür, dass aus dem Versuch, demokratisch legitimierte Steuergesetze zu umgehen, ein Quasiprivileg der finanziell Erfolgreichen konstruiert wird. Steuergesetze beruhen nun mal auf einem gesellschaftlichen Konsens – sonst wären sie gar nie verabschiedet worden. Das macht sie nicht populär, aber verbindlich für alle. Auch für die „Tüchtigen“.

Leute wie Franz Konz, den Autor des Dauerbestsellers „1000 ganz legale Steuertricks“, sind für diese Argumentation freilich nicht zugänglich. Sein Beitrag bei Sandra Maischberger letzten Dienstag bestand denn auch aus wenig mehr als aus der Demonstrationen seines libertären Credos, dass jeder hinterzogene Steuerfranken ein vor den gierigen Händen des Staates bewahrter ist. Damit lässt sich natürlich kein Staat machen.

Die Parteinahme für die Steuerhinterzieher wird auch nicht verständlicher durch den Versuch, die Methoden der deutschen Steuerbehörden zu thematisieren. Ein mutwilliger Gesetzesbruch wird nicht durch dessen Aufdeckung relativiert. Höchstens in der Weltwoche.

Wird Obama Schweizer Premier?

In ziemlich genau einem Jahr wird der neue US-Präsidentin vereidigt, und bereits jetzt wird hierzulande darüber berichtet, als sei’s die heisseste Phase der Nationalratswahlen. Mike Huckabee rockt in Iowa? Dafür reserviert HeuteMorgen auf DRS1 glatte 5 Minuten als „main feature“. CNN berichtet derweil von entlaufenen Katzen.

Man braucht dieser Tage kein Echo-Hörer zu sein, um behaupten zu können, man wisse mehr über das US-Kandidatenkarussell als mancher US Bürger. Jeder Gratiszeitungskonsument weiss mittlerweile, wer der Mormone ist, und dass Giuliani den Evangelikalen nicht passt.

Die Berichterstattung über diesen Wahlkampf scheint wie eine Trotzreaktion der Journaille auf die These, dass der Einfluss der USA in der Welt am Schwinden sei. Clinton gewinnt wider Erwarten in New Hampshire? Anlass genug, über die Flüchtigkeit demoskopischer Aussagen zu sinnieren. Obama punktet beim Jungvolk? Sofort werden Thesen vom Ende einer 30jährigen Ära des Konservatismus debattiert. Die „Soft Power“ der USA mag mancherorts gelitten haben – in der westlichen Welt jedoch hat sie kaum an Strahlkraft eingebüsst.

Zürcher Weihnachtsbeleuchtung - reloaded

Manchen kann es offenbar gar nicht schnell genug gehen mit der Rückkehr zur warmen Weihnachtsbeleuchtung der Zürcher Bahnhofstrasse: Das Märlitram der VBZ wirbt mit einem wunderbar behaglichen Plakat, auf dem die Leuchtstäbe verdächtig harmonisch das Kerzenlicht imitieren.

 

Da haben wohl die Grafiker der VBZ etwas nachgeholfen - bestimmt mit dem Gedanken, sie wollten das Märlitram ja bewerben und nicht das Gegenteil bewirken.

Würde die Beleuchtung tatsächlich so aussehen wie auf diesem Bild, wäre die Diskussion der letzten drei Jahre ganz anders verlaufen. Und die Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse müsste sich nicht schon wieder nach einem neuen Lichterschmuck umsehen. Dieser wird vielleicht schon nächstes Jahr die Prachtmeile zieren und der VBZ den Einsatz von Grafikfiltern ersparen. In Erinnerung bleibt eine Kunstdebatte, die durch ihre Eigendynamik geadelt wurde. Und das Plakat fürs Märlitram setzt ihr die Krone auf.

 

Zum Thema: "Die Mutter aller Weihnachtsbeleuchtungen" 

Chantal Galladé und der Volkswille

Es ist ein beliebter Irrglaube: Die Idee eines homogenen Volkswillens, der sich an der Urne äussert. Nach jeder Abstimmung orakeln Politiker und Politologen über die schillernden Indizien, die ihnen durch die Vox Populi zur Deutung auferlegt werden.

Die eidgenössischen Wahlen ergaben denn auch wieder ein widersprüchliches Potpourri an Signalen, die es allen Parteien erlaubt, irgendwie eine Bestätigung ihres Programms herauszulesen. Selbstredend fällt dies der SVP als grosser Siegerin am leichtesten. Weniger Staat, dafür mehr staatliche Härte im Umgang mit Fremden, das scheint das Volk zu wollen. Möchte es aber auch weniger ökologischen Interventionismus, wie die Stärkung der Volkspartei suggeriert? Aber weshalb dann der grüne Erdrutsch? Und bedeutet die Schwächung von SP und FDP eine Absage an die Bilateralen? Haben die Schweizer die Deutschen über?

Der Verweis auf den Volkswillen taugt offenbar zu nicht viel mehr als zur Willkür. Man kann damit alles Mögliche rechtfertigen, denn für alles Mögliche findet sich der Willen eines Teils des Volkes.

Wenn nun Chantal Galladé ihre erneute Kandidatur für den verbleibenden Zürcher Ständeratssitz mit dem Verweis auf den Volkswillen begründet, den sie hinter ihrem tollen Resultat vermutet, dann ist das verständlich, aber trotzdem falsch: die 110000 Stimmen, die sie bekommen hat, kamen vor dem Hintergrund des ersten Wahlganges zu Stande, und dessen Kernfrage war nicht „Diener oder Galladé“, sondern „Gutzwiller/Maurer“ gegen den Rest der Kandidaten. Dass Galladé etwas öfter aufs Anti-Maurer-Ticket geschrieben wurde als Diener hat mit ihrer Positionierung innerhalb des Anti-Maurer-Elektorates zu tun: Sie stand in deren Mitte, Diener hingegen am rechten Rand. Beim entscheidenden Wahlgang im November sieht das jedoch anders aus: Diener wäre dann die Kandidatin der Mitte. Nicht aber Galladé. Volkswillen hin oder her.

Gratis-Qualitätszeitungen

Neue Gratiszeitungen füttern die Deutschschweiz mit Lesestoff für Wartezeiten und geben wieder mal Anlass zur Diskussion, wie die Zukunft der Abonnementszeitung wohl aussehen wird. Woher das Geld nehmen für die teuren Recherchen, wenn es via Werbung dorthin fliesst, wo es keine braucht? Manche US-Zeitungen haben sich dafür entschieden, die Auflage durch lächerlich geringe Abopreise zu retten. Dadurch behalten sie wenigstens die Anzeigen. Die USA Today zum Beispiel gibt’s schon für 60 cents. Inklusive Zustellung und Benefits.

Vielleicht ist das die Antwort in Zeiten des unentgeltlichen Informationsflusses. All jene Zeitungsleser, die nur deshalb ein Abo behielten, weil sie einfach informiert sein wollten, sind heute nicht mehr darauf angewiesen. Dafür sorgen Internet und Gratiszeitungen.

Also bleiben nur jene Leser, die sich aus anderen Gründen eine Zeitung zustellen lassen. Zum Beispiel aus Interesse an gut erzählten Reportagen, die unseren Alltag bereichern. Oder aus Freude an unterhaltenden Kolumnen und stilistischer Originalität. Oder aus dem Bedürfnis, sich mit dem Kulturgut Zeitung ein Stück der Welt erschliessen zu können. Und sei es nur am Sonntagmorgen.

Selbstverständlich würden diese Zeitungsaficionados auch etwas mehr bezahlen für das Ticket, das sie vor dem Provinzialismus bewahrt. Aber es sind schlicht zu wenige, als dass sich die Qualitätsblätter nicht um die Gratiszeitungen zu scheren bräuchten. Und dann gibt es ja noch die Wochenzeitungen, die manchem genug an Hintergrundinformationen bieten und davor verschonen, am Freitag fünf ungelesene Tageszeitungen auf den Stapel Altpapier legen zu müssen.

Der Mehrwert, den eine Qualitätszeitung im Vergleich zu 20minuten und Co. darstellt, lässt sich in Zukunft wohl nicht mehr durch ihren Preis ausdrücken. Zu vielen Lesern ist dieser Mehrwert zu gering, als dass sie dafür bezahlen würden. Der Wettbewerb zwischen den Zeitungen wird deshalb vielleicht bald nur noch über den Inhalt geführt werden. Zum Vorteil für die Qualitätszeitungen.

Geheimplan gegen Eva Hermann

Nun ist sie also ihre Moderatorenjobs los, Eva Hermann, das Blonde Gift des deutschen Feminismus. Ihr Bedauern über die verlorenen Familienwerte der NS-Zeit, die durch die 68er zerstört wurden, waren der Peinlichkeit zu viel für die ARD. Sie darf sich künftig allein aufs Schreiben konzentrieren, und damit das fortsetzen, wovor sie ihre Artgenossinnen bewahren will.

Man fragt sich, ob sie das nicht hätte ahnen können. 60 Jahre nach der Stunde Null ist es immer noch ein Tabu, auch nur einzelne Aspekte des Dritten Reiches als nicht ausschliesslich negativ zu bewerten. Wer beispielsweise den berühmten Autobahnbau als gelungene Sache erwähnt, muss schon damit rechnen, weitergehenden Nazi-Sympathien verdächtigt zu werden. Woran ja oft auch was dran ist, denn wer hat sonst schon das Bedürfnis, so was ständig zu wiederholen.

Man fragt sich also, welche Naivität Eva Hermann geritten hat bei ihrem Hohelied auf das faschistische Familienidyll. Dachte sie tatsächlich, sie könne mal kurz in den braunen Fettnapf treten, einfach weil sie findet, das könne man also schon sagen? Ein Medienprofi wie sie? Kaum. Eher dachte sie, ein wohl kalkuliertes Skandälchen kann ihren Buchverkäufen nicht schaden.

Leider hat sie die Rechnung nicht mit dem Geheimplan ihrer vereinten Widersacher gemacht. Die warteten nur darauf, dass die Verkörperung des emanzipatorischen Backlashs in die Falle geht, und fortan als Persona non Grata durch den Medienzirkus geistert. Eine Verschwörung der Alt-Achtundsechziger, kein Zweifel.

 

Zum Thema: Michael Hanfeld in der FAZ: Vertreibung aus dem Paradies

 

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