Chantal Galladé und der Volkswille
Es ist ein beliebter Irrglaube: Die Idee eines homogenen Volkswillens, der sich an der Urne äussert. Nach jeder Abstimmung orakeln Politiker und Politologen über die schillernden Indizien, die ihnen durch die Vox Populi zur Deutung auferlegt werden.
Die eidgenössischen Wahlen ergaben denn auch wieder ein widersprüchliches Potpourri an Signalen, die es allen Parteien erlaubt, irgendwie eine Bestätigung ihres Programms herauszulesen. Selbstredend fällt dies der SVP als grosser Siegerin am leichtesten. Weniger Staat, dafür mehr staatliche Härte im Umgang mit Fremden, das scheint das Volk zu wollen. Möchte es aber auch weniger ökologischen Interventionismus, wie die Stärkung der Volkspartei suggeriert? Aber weshalb dann der grüne Erdrutsch? Und bedeutet die Schwächung von SP und FDP eine Absage an die Bilateralen? Haben die Schweizer die Deutschen über?
Der Verweis auf den Volkswillen taugt offenbar zu nicht viel mehr als zur Willkür. Man kann damit alles Mögliche rechtfertigen, denn für alles Mögliche findet sich der Willen eines Teils des Volkes.
Wenn nun Chantal Galladé ihre erneute Kandidatur für den verbleibenden Zürcher Ständeratssitz mit dem Verweis auf den Volkswillen begründet, den sie hinter ihrem tollen Resultat vermutet, dann ist das verständlich, aber trotzdem falsch: die 110000 Stimmen, die sie bekommen hat, kamen vor dem Hintergrund des ersten Wahlganges zu Stande, und dessen Kernfrage war nicht „Diener oder Galladé“, sondern „Gutzwiller/Maurer“ gegen den Rest der Kandidaten. Dass Galladé etwas öfter aufs Anti-Maurer-Ticket geschrieben wurde als Diener hat mit ihrer Positionierung innerhalb des Anti-Maurer-Elektorates zu tun: Sie stand in deren Mitte, Diener hingegen am rechten Rand. Beim entscheidenden Wahlgang im November sieht das jedoch anders aus: Diener wäre dann die Kandidatin der Mitte. Nicht aber Galladé. Volkswillen hin oder her.



