Rock’n’roll-Gore und die Lifestyle-Ökos
Wie man auch immer zum verhinderten US-Präsidenten stehen mag, eins muss man ihm lassen: Al Gore kämpft sehr erfolgreich für das Umdenken im Klimaschutz. Sein Film erzeugte den Dammbruch, den es brauchte, damit nicht nur Minister und Experten von der Notwendigkeit eines Umdenkens sprachen, sondern auch die breite Öffentlichkeit. Die gestrige Live Earth Veranstaltung wirkte dabei wie eine zusätzliche Schaufel Kohle in eine bereits auf hochtouren laufende Lokomotive. Doch sie machte Lärm, und erreichte dadurch nicht nur die bereits Bekehrten, sondern viele apolitische Musikfans, für die das Benzin aus der Tankstelle und der Strom aus der Steckdose kommt. Rock’n’roll-Gore sei Dank.
Natürlich ruft eine solche Riesensause jedwelche Kritiker auf den Plan. Zum einen die Puristen. Sie beklagen die Energieverschwendung, die Live Earth darstelle, und verbeissen sich in Al Gores privater Stromrechnung. Ihnen wäre selbst das Papier zu schade, auf dem Tipps zum Sparen mitgeteilt würden. Das gibt zwar interessante Feuilleton-Debatten, ist der Sache aber nicht dienlich, die da lautet: Es braucht die kritische Masse, die ihr Verhalten ändert. Wie, und woher sie kommt, spielt keine Rolle mehr. Es ist zu spät, als dass man auf einen grossen Schuss Pragmatik verzichten könnte.
Unter den Kritikern finden sich aber auch jene, denen das ganze Umweltgeheul sowieso auf den Senkel geht. Sie verbinden sich mit den Puristen zu einer unheiligen Allianz, wenn es darum geht, Lifestyle-Ökos anzuschwärzen. Zugegeben, CO2-neutraler CO2 Ausstoss ist vielleicht nicht die glücklichste Wortkreation des Jahres; doch der oft zitierte Ablasshandel kann sehr viel bewirken, wenn es darum geht, neuen Technologien zum Durchbruch zu verhelfen. Das entlastete Gewissen der Konsumenten bringt eine gigantische Subventionierungsmaschine in Gang, und spült so die Gelder dorthin, wo sie seit Jahrzehnten von Umweltpolitikern vermisst werden.
Wen das nicht überzeugt, der kann sich mit den stilistischen Perlen wie der folgenden trösten, die Andreas Dietrich im Magazin zum Thema CO2-Kompensation geschrieben hat: „Man hilft den andern, nicht so zu werden, wie man selber bleiben will“.
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