Gregor A. Rutz und die Souveränität
Gregor A. Rutz, der clevere Wadenbeisser der SVP, erläuterte am Dienstag in der NZZ sein Verständnis der direkten Demokratie. Die Essenz davon könnte man in etwa so zusammenfassen: Der Souverän ist in jeder Hinsicht immer souverän. Schon der Gedanke an eine prüfende Instanz – wie ein Verfassungsgericht - ist geradezu ein Affront und schwächt die Demokratie. Denn das Volk hat die Verfassung ja geschaffen; es soll deshalb auch ihr Hüter bleiben.
Nun ist Herr Rutz ja Jurist, und bestimmt kannte auch er vor seinem Studium das US-Rechtswesen besser als unser eigenes, das nicht durch sexy Plädoyers in ungezählten Filmen die Überzeugungsrhetorik zelebriert. Bestimmt war auch er fasziniert von der argumentativen Kraft eloquenter Anwälte, die die Jury wider Erwarten auf ihre Seite zogen. Und natürlich wird auch Herr Rutz bemerkt haben, dass die Geschworenen immer nur bedingt zu dem fähig sind, was man gemeinhin als Objektivität bezeichnet. Das Urteil der Juroren bei Grisham und Co. ist immer auch das Zeugnis für die manipulative Leistung des Fürsprechers.
Ähnlich wie diesen unbedarften Jurymitgliedern ergeht es vielen Stimmbürgern in der direkten Demokratie. Sie kriegen eine komplizierte Vorlage über einen 23-Millionen-Kredit zur Finanzierung eines Fernwärmeprojekts vorgelegt und sollen entscheiden. Dabei haben sie weder einen Schimmer von der Relevanz des Betrages, noch eine Ahnung vom eigentlichen Benefit der Anlage. Damit diese erschütternde Inkompetenz etwas von ihrer Brisanz verliert, erklären uns dann die Politiker, was Sache ist.
Im Gegensatz zu den Juroren ist das Schweizer Stimmvolk für Gregor A. Rutz über jeden Zweifel erhaben. Widerspricht ein Volksentscheid der existierenden Verfassung, muss sie halt geändert werden: „Die Einhaltung der Verfassung unterliegt der ständigen Kontrolle des Volkes.“ Das ist nur dann unproblematisch, wenn das Volk gleichsam immun ist gegen manipulatives Politmarketing. Derweil erklärt Ueli Maurer im TA-Interview, dass die Ängste der Menschen vor Ausländern auch nützlich sind für seine Partei. Ein Schelm, wer Böses denkt?



