Die Berliner Erklärung – ex negativo
Die Festlichkeiten zum 50. Jahrestag der Römer Verträge sind vorbei, und übrig bleibt ein Glückwunschdokument, gegen das gleich wieder von allen Seiten geunkt wird. Zu wenig Fleisch am Knochen, meinen die einen. Zu unverbindlich, andere. Als ob die Absicht des Dokumentes darin läge, die verhinderte Verfassung zu ersetzen – anstatt sie neu zu lancieren.
Die Berliner Erklärung ist eine Standortbestimmung und ein flammendes Bekenntnis zur Europäischen Union, ohne deren zukünftige Gestalt vorweg zu nehmen. Damit ist sie bestens geeignet, von einer Mehrheit der EU-Bevölkerung unterstützt zu werden – wenn auch nicht von einer überwältigenden. Denn ihr Inhalt ist keineswegs Allgemeingut; das wird spätestens dann klar, wenn man ihre Kernaussagen umgekehrt betrachtet.
Sie stellt sich gegen die nationale Abgrenzung bei der Umsetzung politischer Ziele. Sie wendet sich gegen Entwicklungen, die Asymmetrien zwischen Staaten fördern und der Fairness im Wettbewerb abträglich sind. Der Absage an Multikulti erteilt sie eine Absage. Sie verneint die Unvereinbarkeit von wirtschaftlichem Erfolg und sozialer Verantwortung. Sie stellt sich gegen wirtschaftlichen Protektionismus. Sie wendet sich gegen die Relativierung der Bürgerrechte im Kampf gegen neue Bedrohungen. Sie stellt sich gegen die Idee, Entwicklungszusammenarbeit sei gescheitert. Sie glaubt nicht, dass der Kampf gegen die Klimaveränderung dem Markt überlassen werden kann. Und sie stellt sich gegen jeglichen Versuch, die Bedeutung der Einigung Europas für den Frieden zu relativieren.
Das ist nicht nichts. Die Berliner Erklärung ist ein aufgeklärtes Manifest zum Primat der Politik, zur säkularen, postnationalen Gestaltung der Zukunft. Kein Wunder haben sich Tschechiens und Polens Präsidenten schon mal ein bisschen distanziert. Papst Benedikt übrigens auch.
Die Erklärung im Wortlaut: http://europa.eu/50/docs/berlin_declaration_de.pdf



