Alles Provinz oder was?

Alle paar Jahre versucht die Schweiz, ihrem metropolitanen Minderwertigkeits-
komplex mit einer Provinzdebatte beizukommen. Heuer warf Stefan von Bergen den Zürchern den Fehdehandschuh hin und bezeichnete ihre Stadt im Magazin als „grösste Provinz der Schweiz“. Genüsslich nahm ihn Thomas Sevcik auf und erteilte dem Berner Provokateur eine vielleicht etwas zu ernst geratene Lektion. Wahrscheinlich deshalb, weil beim Provinzialismusvorwurf einfach der Spass aufhört. Da fliehen Jahr für Jahr hunderte junger Eidgenossen aus ihren Dörfern und freuen sich über ein neues Dasein in der „einzigen Stadt der Schweiz“, wollen abfeiern wie Carry und Co., urban und trendy sein, und glauben fest, damit ein für allemal der Provinzialismuskeule entkommen zu sein; und da kommt dieser Feuilletonist und rüttelt am Selbstverständnis der Alt- und Neuzürcher – wenn auch mit Ironie.

Nun ist ja Provinzialität – und ihr Gegenteil, die Weltläufigkeit – vor allem eine Geisteshaltung. Zieht ein Provinzler in die Grossstadt, bleibt er trotzdem Provinzler. Da helfen auch die schicksten Treter nichts. Umgekehrt werden Menschen nicht zu weltabgewandten Ignoranten, nur weil sie die Stadt verlassen. Denn die Provinzialität eines Ortes korreliert nur sehr bedingt mit der seiner Bewohner.

Wenn nun der Vorwurf der Provinzialität vehemente Ablehnung und bierernste Repliken auslöst, dann mag das daran liegen, dass der Affront aus der Hauptstadt kommt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass der Zürcher Grossstadtdschungel vor allem ein gefühlter ist. Die Stadt und ihre Strahlkraft ist zu gross, um nicht Tausenden die Illusion zu geben, mit dieser Adresse seien sie jenseits der Provinz angekommen. Der Wohnort als Katharsis, sozusagen. Und doch ist Zürich zu klein, als dass sich Debatten wie diese erübrigen würden. Das ist das Privileg der Megastädte, und dazu braucht es einfach mehr als 370000 Einwohner. Doch man ist und bleibt in Reichweite helvetischer Kleinräumigkeit. So sehr, dass selbst ein Unkenruf aus Bern nicht im Limmattal verhallt.

Blogs zum Thema:

http://blog.rebell.tv/provinz-schweiz.html

http://pieceoplastic.com/index.php/2782/zurich-provinznest-mit-profilierungsneurose/

Steuersolidarität und Interessenpolitik

Die Sonntagszeitung liess wieder mal nichts anbrennen und eruierte flugs die Volksmeinung nach der Brüsseler Gängelung in Sachen Holdingbesteuerung. Natürlich sind 75 Prozent not amused ob der Angriffe fremder Vögte. Überraschender ist allerdings, dass selbst in der Hitze des Gefechtes 63 Prozent Distanz markieren zu steuerpolitischen Fragwürdigkeiten. Die Promillebeiträge der Holdinggesellschaften sind nun mal nicht viel mehr als ein symbolischer Witz, und man muss sich schon argumentativ verbiegen beim Versuch, unseren Nutzen der dadurch eingetriebenen Steuern höher einzuschätzen als den Schaden, den der entfallene Obolus an jenen Standorten anrichtet, an denen die Gewinne der Holdinggesellschaften de facto erwirtschaftet werden. Die Freude über angelockte Briefkastenfirmen ist nicht ungetrübt, wenn dafür im Saarland die Schulbibliotheken schliessen müssen.

Die Antipathie vieler Schweizer gegenüber der parasitär anmutenden Steuerpraxis mancher Regionen hindert sie freilich nicht daran, die Pressionen der EU als Zumutung zu empfinden. Doch der Steuerwettbewerb wird in aller Härte ausgefochten, auch innerhalb der EU. Allerdings gehorcht er dort gewissen Regeln, was die Wettbewerber wiederum vor Anfeindungen schützt. Die Schweiz als Nichtmitglied kann davon leider nicht profitieren.

Jene Politiker, die jetzt die aggressive Verteidigung unserer Steuerpraxis verlangen mit dem Hinweis, dass es hier nicht um Moral und Sentimentalitäten geht, sondern um knallharte Interessenpolitik, sollten sich bewusst sein, dass das die EU genauso sieht. Wie beim diktierten Anflugregime des Zürcher Flughafens. Und dann sollten sie abwägen, was genau im Interesse der Schweiz liegt. Angesichts der bescheidenen Solidarität mit der Steuerpraxis von 29 Prozent der Schweizer Bevölkerung sollten sie deren Leidensfähigkeit nicht zu hoch einschätzen.


130 g Regulierungsvernunft

Garstige Zeiten für regulierungsfeindliche Konservative: Die EU-Kommission verdonnert die Autoindustrie zur Reduktion des durchschnittlichen CO2 Ausstosses auf 130 g / km bis 2012, und kein Argument dagegen vermag richtig zu überzeugen. Denn selten war Marktversagen so evident wie hier: Da produzieren die Automanufakturen verhältnismässig effiziente Kleinwagen zu Minipreisen, und was tun die Kunden? Sie kaufen lieber PS-starke Prestigegeschosse und pfeifen auf Steuer- und Benzinersparnis. Die Strasse ist ein hartes Pflaster - besonders für die Vernunft.

Weil sich Nachfrage und Angebot nicht in die gewünschte Richtung entwickeln, soll’s nun also der Gesetzgeber richten. Nie wurde ungezwungener von Regulierung gesprochen, vom „Lenken der Kundenbedürfnisse“ in die richtigen Bahnen. Neoliberale werden sich winden. Doch nichts hilft: Die Diskrepanz zwischen den geäusserten Erwartungen der Menschen an die Autoindustrie und ihrem Verhalten beim Autokauf ist nun mal da, und der Handlungsdruck in Zeiten des CO2-Notstandes ebenso. Da bleibt nur der Hinweis auf die Einführung des Katalysators, die auch nicht freiwillig erfolgte und trotzdem als Segen ankam. Wer sich jetzt grämt ob des Paukenschlags aus Brüssel, der muss sich die Frage stellen lassen, ob man damals auch besser nichts gefordert hätte von der Autoindustrie. Mit der Hoffnung auf den mündigen Kunden, der aus seinem Wissen um die Verantwortungsdiffusion bestimmt gerne ein paar Tausender draufgelegt hätte für einen Kat. Freiwillig, versteht sich.

Offensichtlich gibt es Kollateralschäden der Konsumgesellschaft, auf die besser eine demokratischen Institution als die unsichtbare Hand des Marktes reagiert. Insbesondere dort, wo sich Mehrheitsmeinung und individuelles Verhalten widersprechen - sei es aus Trittbrettfahrertum oder Ignoranz.

Die Autoindustrie hat nun den schwarzen Peter gekriegt, und sie beklagt sich etwas scheinheilig mit dem Verweis auf den Unwillen der Kundschaft. Scheinheilig deshalb, weil sie genau weiss: Das Automobil ist nach wie vor das unübertroffene Statussymbol, und Statusdenken ist eine emotionale Angelegenheit. Nichts widerspiegelt dies prächtiger als die Autowerbung. Der Flop des drei-Liter-Lupos ist deshalb nicht erstaunlich. Man kann dem Kunden kein Würstchen verkaufen, wenn das Filet allein Glück verheisst.