Offroader und Kulturkämpfe

Sport-Utility-Vehicles, neudeutsch Offroader genannt, sind eine automobile Provokation. Sie sind die unverschämte Blossstellung des Versuchs, einem Automobil so etwas wie Vernunft anzudichten. Wohl die arroganteste Art, der mobilen Bescheidenheit den Finger zu zeigen. Nun lancieren die Grünen eine „Initiative für menschenfreundlichere Fahrzeuge“, die durstige Geländewagen verbieten will.

Kein Zweifel, das Phänomen der Offroader gehört zu den düsteren in der Geschichte menschlicher Modeverirrungen. Vor fünfzehn Jahren gabs neben dem Range Rover vielleicht noch den Jeep Cherokee, und man sah sie vorwiegend in ländlichen Regionen, versehen mit dem Alibi der Geländetauglichkeit. Wie eine Seuche verbreiteten sie sich in den Neunziger Jahren, schlichen sich in die Vororte und infizierten unbescholtene Mitsubishifahrer. Aus unerfindlichen Gründen schien es plötzlich opportun, ein überdimensioniertes zwei-Tonnen-Geschoss durch die Strassen zu navigieren. Und je mehr sich trauten, umso mehr folgten. Wie die sprichwörtlichen Lemminge sprangen die Menschen in den grösstmöglichen energetischen Aberwitz der Geschichte. Falls es noch eines Beweises bedurft hätte, dass der Mensch eben nur bedingt ein rationaler Nutzenmaximierer ist: Hier war er.

Kein Wunder ärgern sich viele über die stolz präsentierte Ignoranz. Diesen Wagen fehlt einfach die Rechtfertigung. Anders als den Minivans, denen immer ein „Sorry, Familie“-Alibi anhaftet und die deshalb gegen Kritik immun sind. Und anders als den Reiselimousinen, denen Businesscharakter und Weltläufigkeit die nötige Gravitas verleiht. Und anders als den Sportwagen, deren Physis anderes suggeriert als Benzinschluckertum. Doch sie alle belasten die Umwelt im selben Ausmass wie die Geländewagen. Nur tun sie es diskreter.

Der Kampf für ein Verbot von Offroadern ist deshalb weniger ein umweltpolitischer als ein kultureller: Das SUV ist der Wagen des Emporkömmlings, des Bourgeois, des ignoranten Egomanen, des unkultivierten neureichen Protzers. Es ist die unverschämte Zurschaustellung der Ruchlosigkeit, die hier am Pranger steht.

Die Betroffenen wehren sich mit dem Verweis auf Neid und Missgunst. Sie liegen damit nicht richtig. Aber auch nicht ganz falsch.

Obama jagt Osama

Barack Hussein Obama heisst er, der neue Hoffnungsträger in den USA. Diese Woche verkündete der Senator aus Illinois seine mögliche Kandidatur für das Rennen um die Präsidentschaft 2008, und irgendwie scheint er in einer anderen Liga zu spielen als all die anderen möglichen Nachfolger Bushs. Dieser Mann verströmt Glaubwürdigkeit. Schaut man sich seine Erklärungsrede zur Gründung eines Wahlkampfteams an, erahnt man eine gewisse Ernsthaftigkeit, die man lange vermisst hat. Kein Zweifel: dieser Mann wird eine gewichtige Rolle spielen, in Zukunft.

Sechs Jahre nach Bushs Amtsantritt scheint vor allem ein Gefühl des Überdrusses um sich zu greifen. Überdruss an Mauscheleien, an Einseitigkeit, an Verdrehung der Wahrheit – und an Dumpfbackigkeit. Irgendwie sehnt man sich nach einer Figur, deren Pressekonferenzen nicht jedes Mal haarscharf an der Grenze zu Peinlichkeit entlang schrammen. Einer Figur, die wenigstens den intellektuellen Mainstream vertritt.

In diesem Klima zwischen Verdrossenheit und Hoffnung auf 2008 tritt nun ein Mann auf, der geradezu die Antithese von George W. Bush zu verkörpern scheint. Und dazu ist er auch noch schwarz. Kein Wunder brodelts in der Blogosphäre. Hier bahnt sich etwas an, das später als historisch bezeichnet werden wird.

Es geht die Frage um, ob die USA bereit seien für einen schwarzen Präsidenten. Dabei sollte man sich vielleicht eher fragen, ob sie bereit sind für einen Präsidenten mit diesem Namen. Sieben Jahre nach Osama und fünf Jahre nach Saddam Hussein möchte jemand US-Präsident werden, der ausgerechnet Barack Hussein Obama heisst? Das wäre schon ein starkes Stück Emanzipation. Aufbruch zu Neuem, aber richtig. Ein ähnliches Momentum hat bereits Arnold Schwarzenegger zum Gouverneur gemacht: vermeintliche Hürden wie Background oder Herkunft werden zu Katalysatoren auf dem Weg zur Macht. Das könnte auch Barack Obama widerfahren. Frische Nahrung für den Mythos des American Dream.

Hüslipest und Klimapolitik

Dass unser Bundesrat nicht gerade zu Regulierungsfreude neigt, dazu mag man stehen wie man will. In Zeiten jedoch, in denen im nahen und fernen Ausland Ernst gemacht wird mit konkreten Massnahmen zur Reduktion der Treibhausgase, wünschte man sich einen etwas pro-aktiveren Bundesrat in Sachen Klimapolitik. Einzig die CO2-Abgabe auf Brennstoffe zu verabschieden ist angesichts des akuten Handlungsbedarfs doch etwas mager. Gerade aus der Erkenntnis heraus, dass sich die Klimaproblematik nur mittelbar angehen lässt und sich deshalb sowohl den kurzfristigen Politikinteressen als auch den herkömmlichen Marktmechanismen entzieht, vermisst man eine gewisse Führungsrolle des Siebnergremiums, hier langfristige Ziele zu setzen.

Zum Beispiel in der Siedlungspolitik. Die Quasi-Abstinenz an Raumplanung in der Schweiz ist die grosse, langfristige Hypothek des zukünftigen Energiehaushalts. Dem weit verbreiteten Traum vom eigenen Hüsli wurde in der denkbar gedankenlosesten Form entsprochen, indem jede Gemeinde einfach mal einzonte. Das grosse Problem dabei ist nicht einmal die individuelle und damit ineffiziente Beheizung. Dass grosse Problem ist, dass jedes Hüsli via Automobil mit Pizza und Fondue Chinoise versorgt werden muss, denn ein Hüsli ohne Auto ist nun mal eine Zumutung. Nicht wegen der Doppelgaragen, sondern weil diese Siedlungen zu weitläufig sind, um zu Fuss zu gehen, und zu klein für einen vernünftigen Anschluss an den öffentlichen Verkehr. Die Anzahl Menschen pro Hektare ist schlicht zu gering. Abgesehen von der Verschandelung der Landschaft hat sich die Schweiz somit eine gigantische Energieschleuder namens Hüslipest zugelegt, die unsere CO2-Bilanz über Generationen trüben wird.

Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz lanciert demnächst ihre Initiative zum Schutz des noch unverbauten Bodens, mit dem Ziel einer Plafonierung der Bauzonen. Mal sehen, was sie auszulösen vermag. Schaut man sich den angerichteten Flurschaden an, drängt sich eine Kombination von Lenkungsmassnahmen auf: massive Förderung für verdichtetes Bauen, Steuererleichterungen für Hausbesitzer, die ihr Häusle minergetisch umrüsten, und – natürlich – attraktive Steuerrabatte beim Kauf effizienter Autos. Denn: Mit der zersiedelten Landschaft müssen wir nun mal leben, nicht jedoch mit den einhergehenden Emissionen.

Zottel und die roten Socken

Was für ein Jahresauftakt. Kaum erholt von der ersten Shoppingtour am
Berchtoldstag wurde den Kunden gleich noch das Wahlkampfprogramm der SVP
nachgereicht. Gespickt mit trendy Forderungen wie dem Landesverweis für
renitente Ausländer und Minarette. Und was wird Zottels Partei
gegenübergestellt? Die Verstaatlichung der Krankenkassen. Mindestens der
erste politische Schlagabtausch dieses Jahres wird sich somit im Schatten
einer Richtungswahl abspielen. Mit roten Gesundheitssöckli als Wahlgag.

Erinnert man sich an den letzten grossen Rohrkrepierer zum Thema
Krankenkassen – die 73%-Schlappe zu den Einkommensabhängigen Prämien – kommt man schon ins Grübeln über die strategischen Überlegungen der SP. Diese
Partei, die einen Grossteil ihrer Wählerschaft im besserverdienenden urbanen
Umfeld weiss, solidarisiert sich mit einer Initiative, deren Anliegen mit
ihrem sozialistischen Stallgeruch geradezu anachronistisch erscheint. 12
Jahre nach Ruth Dreifuss’ Kampf fürs neue KVG haben sich viele daran
gewöhnt, zum günstigsten Anbieter der Grundversicherung zu wechseln; jeder
vierte erwägt mittlerweile diese Möglichkeit als Mittel zur Kostenreduktion,
wie das GFS-Gesundheitsmonitor verrät. Die alljährlichen Prämienerhöhungen
hin oder her: Die Menschen finden sich damit ab, dass hohe Qualität auch
hohe Kosten verursacht. Gelindert werden sie durch die breit gestreute
Prämienverbilligung. Diese Pille ist nicht so bitter, als dass sich eine
Mehrheit dagegen gewinnen liesse mit einem Systemwechsel, dessen
Auswirkungen ungewiss sind. Insbesondere, wenn die entsprechende Studie der
Öffentlichkeit vorenthalten wird.

Die Frage stellt sich also, was die SP bezwecken möchte mit ihrem Engagement
für die Initative Westschweizer Linker und der Grünen Partei. Die viel
besungenen „urbanen und weltoffenen“ Wähler wird sie damit kaum abholen, im
Gegenteil. Die linksliberale Mitte, die in den Städten den Löwenanteil der
SP-Wählerbasis bildet, wird sich angesichts solch radikaler Vorstösse eher
den Grünliberalen zuwenden. Die Attac-Linken sind eher dabei, aber sie
bleiben marginal. Die SP hat wohl jene ärmeren Wählerschichten im Visier,
die sie längst an die SVP verloren hat. Die werden jedoch den Teufel tun,
einer linken Verstaatlichungsinitiative zuzustimmen. Dafür hat Zottel schon
gesorgt.

Vielleicht hat ihr Franco Cavalli einfach den Kopf verdreht mit der
Verlockung, nochmals in sozialistischer Nostalgie zu schwelgen und erhobenen
Hauptes an der Urne zu scheitern. Um danach hüstelnd in den Wahlkampf zu
steigen.