Accomplish the mission!

Ein Seufzer der Genugtuung scheint dieser Tage durch die Medien zu gehen, nachdem Präsident Bush seine Wahrheitsverweigerung aufgab und den Sieg im Irak erstmals relativierte. Wer weiss, vielleicht greift jetzt dieselbe Strategie wie bei Bin Laden, der von „Most Wanted“ auf „Irrelevant“ umklassiert wurde, nachdem die Jagd erfolglos blieb. Demnach werden wir schon bald vernehmen können, ein Sieg sei gar nicht das wirkliche Ziel, sondern vielmehr die Koexistenz der Ethnien im Irak. Ein Schelm, wer dann an die Zeit unter Saddam denkt.

Es wäre eine weitere Episode in der Reihe von Willkürlichkeiten im Umgang mit dem, was man in der Prä-Bush-Ära Wahrheit nannte. Von den vielen Absurditäten – von denen wir hierzulande die meisten gar nicht mitbekommen haben – waren jene im Vorfeld dieses Krieges wohl die verheerendsten. Mein Favorit im Wetteifern um den grössten Bullshit jener Tage: Der Vorwurf an Frankreich und Deutschland, sie hätten mit ihrer Weigerung zur Teilnahme am Krieg die Drohkulisse torpediert und seien deshalb Schuld, dass es schliesslich zum Krieg kam. Erinnern wir uns: Es wurde ein Krieg angezettelt, weil man der Option der UN-Inspektionen überdrüssig war. Mehr Leichtsinn war nie seit 1914.

Die Ratlosigkeit ist gross nach diesem Desaster. Besonders augenfällig wird sie, wenn man unsere europäische Zaungastrolle betrachtet: Wir, die wir kaum Soldaten geschickt haben und uns deshalb weniger um deren Schicksal als um jenes des Irak sorgen. Wir hören erleichtert von Bakers Exit-Strategien und Truppenabzug, und denken gleichzeitig: Ja aber was kommt denn dann? Zuerst wird ein Land zerrüttet, wie Kinder in einen Ameisenhaufen treten. Nach dem Motto „jetzt schiessn ma mal und schaun was passiert“. Und jetzt wollen die sich einfach aus dem Staub machen? Mit einer Hinterlassenschaft, deren Genesung vielleicht mehrere Generationen dauern wird?

Und plötzlich ist man versucht, Bush beizupflichten in seinem Standpunkt, da zu bleiben und die Sache zu Ende zu bringen. Vielleicht ist sein Rückgrat diesmal tatsächlich hilfreich auf der Suche nach einem Masterplan. Und wenn dieser dereinst umgesetzt werden kann, haben die USA vielleicht wieder einen richtigen Präsidenten.

Schulweihnachten - politically correct.

Neulich in den Schweizer Boulevardmedien. Grosse Aufregung über ein angebliches „Weihnachtsverbot an Schulen“, das der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer fordere. Das vermeintliche „Weihnachtsverbot“ entpuppte sich als nichts anderes als die sanfte Erinnerung des Lehrerverbandes an die Trennung von Kirche und Staat. Sollte sich eine Schule für eine religiös geprägte Weihnachtsfeier entscheiden, dann sei eine Dispensation Andersgläubiger angebracht. Nicht jedoch bei einer herkömmlichen Weihnachtsfeier. Klingt irgendwie vernünftig. Wobei man sich fragen kann, was genau eine „religiös geprägte Weihnachtsfeier“ sein soll.

Das war jedoch gar nicht das Thema. Das Thema waren die Proteste einiger Muslime gegen die Weihnachtsbäume und sonstige Dekorationen in den Schulen. Natürlich ein gefundenes Fressen für den hiesigen Boulevard, jetzt, wo die Menschen schlecht zu sprechen sind auf Extrawürste für Immigranten. Leider hat der Präsident des Dachverbandes diesen Köder nicht erkannt, und hat sich mit der Aussage, Adventskränze gehörten nicht ins Schulzimmer, voll in die Nesseln gesetzt.

Das Qualitätsblatt „heute“ trat nach und nahm die Geschichte zum Anlass, gegen die Political Correctness als solche herzuziehen. Diese hatte bekanntlich immer viele Gegner, und man erkennt sie daran, dass ihnen zur Political Correctness als erstes immer die Karikaturen dazu einfallen, wie zum Beispiel „horizontal herausgefordert“ für Übergewichtige. So auch im heute-Artikel, der glatt in der Weltwoche hätte erscheinen können. Die Autorin wetterte darin gegen die Rücksichtnahme und Anpassung der Mehrheit an Minderheiten, als ob erstere geradezu drangsaliert würde durch die dauernde Nörgelei irgendwelcher Interessengruppen. Wahrscheinlich ärgerte sie sich einmal zu oft darüber, dass nur noch der Behindertenparkplatz frei war.

Soviel Unsachlichkeit ruft nach Einspruch. Die Trennung von Kirche und Staat hat nichts mit „politischer Korrektheit“ zu tun, sondern mit Aufklärung. In der Schule werden keine religiösen Überzeugungen vermittelt. Das geschieht auch nicht bei den weihnächtlichen Abschlussfeiern – ergo keine Dispensen. Anders ist dies, wenn sie mit Glaubensbekenntnissen versetzt werden. Man kann nicht Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährleisten, wenn Kinder anderer Religionen zur Preisung der Geburt Christi gezwungen werden. Das gebietet die Vernunft, und meinetwegen auch die Political Correctness.

Und wer sich durch sie eingeengt fühlt, sollte sich überlegen, ob er's nicht als Fortschritt empfindet, dass der Neger und der Mongoloide aus dem Wortschatz verschwinden. Denn weit darüber hinaus kam Political Correctness im deutschsprachigen Raum nie. Nur in den Witzen von Leuten, die deren Sinn nicht begreifen.

Die Mutter aller Weihnachtsbeleuchtungen

Sie ist wirklich ein Gesamtkunstwerk, die Beleuchtung in der Zürcher Bahnhofstrasse. Was kann einem Künstler Besseres widerfahren, als dass sein Werk zum ultimativen Talk of the Town wird – und das gleich in Serie, denn alle Jahre wieder wird das kalte Licht für erhitzte Gemüter sorgen. Wenn Kunst den Anspruch hat, Menschen mit neuen Aspekten, Gedanken und Emotionen zu konfrontieren, dann setzt diese Weihnachtsinstallation geradezu Massstäbe.

Nie wurde ausführlicher über Lichtqualitäten geplaudert. Vielen wird zum ersten Mal bewusst, dass ihr Badezimmerlicht eigentlich recht ungemütlich ist. Typ Noël Zurichois, sozusagen. Man denkt: Wenn es das Wetter nicht hinkriegt mit den winterlichen Temperaturen, dann sorgt eben das Licht für Kälte.

Die Weihnachtsmuffel frohlocken ob der Antithese zum übrigen Weihnachtslicht. Endlich werde dem Kitsch etwas entgegengesetzt, meinen sie. Tatsächlich: Freunde des Kuschellichtes monieren, das Licht der Stäbe beisse sich mit den warmen Lämpli der Geschäfte. Man erkennt sie daran, dass sie bei der Gabelung Rennweg/Bahnhofstrasse stets den Rennweg nehmen, auch wenn sie an den Paradeplatz wollen.

Eine einzigartige Lichtinstallation, toll animiert, aber eben nicht weihnächtlich – solange man damit Kerzenlicht assoziiert. Gut, könnte man sagen, in südlicheren Gefilden ist dies anders, die Menschen haben weniger das Bedürfnis nach wärmendem Licht, und wer weiss, wie es uns in dieser Hinsicht ergehen wird angesichts der Klimakapriolen. Noch sind wir aber nicht so weit. Das macht die Lichtdesigner entweder zu missverstandenen Visionären, die uns einen Vorgeschmack geben auf unsere zukünftigen Weihnachtslichtsehnsüchte. Oder ihnen ging einfach das alberne Gerede von der mediterranen Schweiz auf den Keks und sie dachten, jetzt machen wir’s mal richtig. Her mit dem Neonlicht.

Vielleicht sind sie aber einfach Opfer ihrer Technik, weil sie’s auch lieber wärmer gehabt hätten, aber nicht hinkriegten und dann die Not zur Tugend machten. Sei’s drum. Kunst spielt sich bekanntlich zwischen Objekt und Betrachter ab, und in diesem Fall kann sich niemand über mangelnde Resonanz beklagen. Diese Weihnachtsbeleuchtung lässt niemanden – hoho – kalt. Neulich ging ihr der Strom aus, und manche Leute im Tram raunten: „so gfallt sie mir am beschte“.