À propos Werteverfall

Gleich zwei Meldungen erinnerten diese Woche daran, dass mit unserer Gesellschaft noch längst nicht aller Tage Abend ist, wie ein Blick in die Leserbriefspalten suggeriert. Die Glückskette hat knapp zwei Jahre nach der Flutwelle in Südostasien einen Grossteil der 228 gespendeten Millionen in zukunftsweisende Projekte investiert. Noch nie wurde so viel gespendet wie in jenen Tagen der apokalyptischen Bilder, und nirgends kam mehr Geld pro Kopf zusammen als in der Schweiz. Es war ein Kraftakt menschlicher Grösse, ein lautes Indiz für die zweite zuversichtliche Nachricht dieser Woche.

Die Uni Zürich hat die ersten Resultate der Competence and Context Studie (COCON) veröffentlicht, die den Schweizer Nachwuchs als „sehr einfühlsam, verantwortungsbewusst und anstrengungsbereit“ einschätzt. Die repräsentative Studie untersuchte die Befindlichkeiten von 3000 Heranwachsenden im Alter von 6, 15 und 21 Jahren, und offenbart das, was sich Kulturpessimisten nie eingestehen wollen: Der Anspruch der überwiegenden Mehrheit der Eltern, ihre Kinder zu lebensbejahenden Individuen zu erziehen, bewirkt eine Generation von – sagen wir mal – verhältnismässig angenehmen Zeitgenossen. Oder anders gesagt: Wenn es denn einen Weg gibt, das Risiko eines zivilisatorischen Bruchs wie jenen im „dritten Reich“ zu verringern, dann sind wir sicher nicht auf dem falschen.

Natürlich ist die Decke der Zivilisation eine dünne, und Gruppendruck wird auch in Zukunft bewirken, dass ein kürzeres Streichholz im Vergleich mit längeren nicht als kürzer bezeichnet wird, wie viele Experimente zum Konformitätsverhalten zeigten. Doch vielleicht ist die Empörung, die sich angesichts der jüngsten Episoden menschlicher Verkommenheit entladen hat, gerade ein Indiz für jene Kultiviertheit, welche die COCON-Studie nahe legt. Wir sind uns nicht mehr gewohnt, bei Scheusslichkeiten wegzuschauen.

Schaut man sich die Alltagsgewalt in Ländern wie Kolumbien oder Südafrika an, erscheint diejenige hierzulande in einem anderen Licht. Sie ist schon beinahe zahm. Deshalb kann man sich’s auch leisten, sich darüber aufzuhalten, und den vermeintlichen Werteverfall zu bemühen. Er ist jedoch nur eine Werteverschiebung, hin zur Thematisierung, was früher unter den Teppich gekehrt wurde.

Minderheitenschutz von Rechts

Die SVP engagiert sich neuerdings stark für Minderheiten. Angefangen mit Christoph Blochers mutigem, weil für SVP-Begriffe geradezu unpatriotischen Auftritt in der Türkei, bei dem er Respekt einforderte für abweichende Meinungen vom abendländischen Mainstream, der einen Völkermord auch als solchen bezeichnet haben will; aus Respekt vor den Opfern. Blocher wurde damit irgendwie zum Fürsprecher der Relativität kultureller Werte. Das hätten sich die viel gescholtenen Multikulti-Idealisten wohl nicht einmal im Albtraum vorstellen können: In Zeiten des forcierten Integrationsdrucks bricht ein SVP-Bundesrat eine Lanze für den Respekt vor abwegigen kulturellen Tabus.

Es war der Auftakt zu einem Sturmlauf gegen das Anti-Rassismus-Gesetz, das der Justizminister ändern und seine Partei gleich ganz streichen will. Christoph Mörgeli ist besorgt. Er ortet ein Klima der Angst, das die freie Meinungsäusserung der Schweizer Bevölkerung verunmögliche, und verunsicherte Eltern davon abhalte, unschöne Zustände in Schulen zu benennen. Das wäre bedauerlich, würde aber eher auf die Desinformation der Menschen hinweisen als auf die Schädlichkeit des Gesetzes. Niemand würde auf die Idee kommen, die Promillegrenze beim Autofahren zu streichen, nur weil manche denken, sie dürften kein Glas mehr anrühren.

Glücklicherweise haben die Medien die Gelegenheit beim Schopf gepackt und den Sinn der Anti-Rassismus Strafnorm wieder mal breit thematisiert. Dass es kein Recht gibt, die Rechte anderer mit Füssen zu treten. Kein Recht auf Diskriminierung. Und dass sie gerade dort greift, wo andernfalls Populisten ihr Süppchen kochen würden: beim Aufhetzen gegen andere Ethnien, beim Stimmenfang mit den Mitteln der Demagogie, die an dumpfe Regungen und unreflektierte Gefühle appelliert. Niemand ist der Meinung, alle Menschen einer Ethnie seien Idioten. Man hat höchstens das Gefühl, es sei so.

Aber auch das ist eine Minderheit. Und von denen ist es wiederum ein Bruchteil, die ihre Gefühle mit Meinungen verwechseln und diese von Politikern vertreten haben wollen. Die SVP möchte sich nun für diese Minderheit einsetzen, damit sie nicht länger in ihrer Freiheit beschnitten wird, gegen andere öffentlich zu hetzen. Wahrlich ein nobles Programm, um in den Wahlkampf zu steigen.

Solibeitrag und Kleinkrämerei

Die SVP kämpft verbissen gegen die Ostmilliarde – mit viel Kreativität. Im Streitgespräch mit Hans-Jürg Fehr meinte Hans Fehr im Tages-Anzeiger, die EU hätte sich mit der Osterweiterung finanziell übernommen und brauche deshalb Geldgeber. Die Schweiz dürfe sich unter diesen Umständen nicht erpressen lassen.

Lieber Hans Fehr. Die Europäische Union verteilt in den nächsten 6 Jahren 308 Milliarden Euro im Rahmen des Strukturfonds. Das sind gegen 500 Milliarden Schweizer Franken. Denken Sie wirklich, der Beitrag aus Bern mache hier einen Unterschied, der für die EU mehr bedeutet als ein symbolischer Solizuschlag?

Das Traurige an der Abstimmung am 26. November ist die Kleingeistigkeit, die sich bei dieser Debatte offenbart. Dass der schiere moralische Wert der Entwicklungsförderung in osteuropäischen Staaten überhaupt kein Thema ist, entspringt sicher der realistischen Einschätzung politischer Machbarkeit; man erreicht vielleicht Respekt, jedoch keine Mehrheiten unter dem Verdacht auf Selbstlosigkeit. Nicht in Zeiten, in denen der Begriff des Gutmenschen negativ besetzt ist.

Die Befürworter des Osthilfegesetzes betonen deshalb vorab den Benefit, den es der Schweiz bringt. Geschenkt. Es hat jedoch etwas Beschämendes, wenn jeder Rappen des Osthilfebeitrages daraufhin geprüft wird, ob er denn seinen Wert auch wieder einspielt. In nützlicher Frist.

Seit dem Mauerfall vor genau 17 Jahren hat die Schweiz gut dreieinhalb Milliarden in Mittelosteuropa investiert. Für die nächsten fünf Jahre steht nun eine weitere Milliarde zur Abstimmung. Nach Adam Riese nimmt die Osthilfe deshalb gar nicht zu, sondern wird im selben Ausmass weitergeführt. Das spielt aber für die Gegner keine Rolle, denn ihr Widerstand hat weniger mit sachlichen Argumenten als mit Trotz gegen die EU zu tun. Vielleicht muss man dieses pekuniäre Vabanquespiel deshalb eher psychologisch betrachten. Etwa so: Wenn sich alle zehn Tage eine Million an Steuergeldern in Luft auflösen durch den blockierten NEAT-Bau in Erstfeld, dann können wir uns die Osthilfe nicht auch noch leisten.

Al Gore und die unbequeme Pragmatik

Sie hat schon was schockierendes, die Al-Gore-Show, die zurzeit im Kino zu sehen ist. Didaktisch virtuos werden uns die Fakten der Klimaveränderung präsentiert, vorgetragen von einem leidenschaftlichen Al Gore, dem man ob seiner edlen Mission all die Eitelkeit verzeiht. Zu unheilvoll die Vorstellung überschwemmter Küsten wegen geschmolzener Arktis, zu absehbar die Folgen der Erwärmung noch in unserer Lebzeit, als dass man „An Inconvenient Truth“ unberührt verlässt. Ein flammendes Plädoyer fürs Handeln, jetzt.

Während der Abspann läuft, und einen kleine Tipps gegen die Ohnmacht inspirieren, beginnt man schon mal, seinen eigenen Beitrag zur Klimakatastrophe zu überdenken, und daran, wo denn Abstriche möglich wären ohne zu grossen Tribut. Und weil die 29000 Megatonnen CO2 pro Jahr das Hauptproblem darstellen, denkt man an all die geheizten Ferienwohnungen und die Autos, die im Schnitt zwei Kilogramm davon absondern, alle 10 Kilometer.

Antworten auf das akute Bedürfnis, etwas zu unternehmen, findet man im Internet. Wer nicht auf seine Automobilität verzichten will, und auch nicht flugs seine Ölheizung mit einer Wärmepumpe austauschen kann, dem eröffnen sich verschiedene Wege, trotzdem etwas zu tun. Zum Beispiel kann man CO2-neutrale Energien subventionieren, die jenen Teil an fossiler Energie vom Markt verdrängt, den man selbst verbraucht. nativeenergy.com bieten diese Möglichkeit schon für 6 Dollar im Monat. Einen anderen Ansatz verfolgt PrimaKlima, das die CO2-Entsorgungskapazität der Wälder stärkt. Der Weg zur CO2-Neutralität kostet da um die 20 Euro.

Natürlich hat es etwas moralisch anrüchiges, die Umwelt zu belasten, um sie dann dafür zu entschädigen, via schnöden Mammon. Man versündigt und entschuldigt sich quasi in Serie. Ein Ablasshandel. Aber ein pragmatischer: Würde jeder auf diese Weise seinen CO2 Haushalt reduzieren, wäre die Energiewende längst geschafft, die Verwüstung eingedämmt, die Aufforstung gesichert. 30 Jahre Umweltbewegung haben auch gezeigt, dass die Bequemlichkeit der Menschen grösser ist als ihr Umweltbewusstsein – Katastrophen hin oder her. Diese Modelle sagen sich deshalb: schlag die Realität mit ihren eigenen Mitteln. Es gibt das richtige Leben im falschen. Es müssen nicht alle zu Ökos werden - ihr Geld reicht uns vollauf.


- An Inconvenient Truth
- Native Energy
- PrimaKlima