Right or Wrong - my Country
Während sich der Rauch in Nahost etwas verzogen hat, und anstatt Siegen
wieder mal nur Schäden übrig bleiben, reibt man sich als Medienkonsument die
Augen über das eifrige Zupacken der Hisbollah beim Wiederaufbau im Libanon.
Und man wundert sich, wie die israelischen Militärs die Macht der Loyalität
der Menschen zu dieser Miliz dermassen unterschätzt haben können.
Die Idee, dass die Bombardements neben der Zerstörung der hisboll'schen
Infrastruktur die Libanesen dazu bringen würde, sich von dieser Organisation
zu distanzieren, hat sich als kolossaler Fehlschluss herausgestellt. Das war
allerdings absehbar, denn so funktionieren die Menschen nun mal nicht. Sie
sind keine rationalen Rechner, die Ursache (hier die Hisbollah) und Wirkung
(hier die Bomben) allozieren und eine Kosten-Nutzen-Analyse machen, um
daraufhin das Pferd zu wechseln. Gerade im Krieg, in dem es nur Freund oder
Feind gibt, steht die Loyalität zu den eigenen Landsleuten nicht zur
Disposition.
Hier beisst sich die Integrität, die Würde der Menschen mit der
pragmatischen Vernunft. Mag sein, dass die Entwaffnung der Hisbollah den Weg
zur friedlichen Koexistenz mit den südlichen Nachbarn frei macht. Doch die
Vorstellung, auf Geheiss des übermächtigen Ex-Besatzers eine wohlgelittene
Miliz zu entwaffnen, die trotz aller Zwiespältigkeit als die eigene
wahrgenommen wird, ist schlicht zu demütigend, als dass sie mit dem Stolz
der Menschen zu vereinbaren wäre. Und je grösser der Druck von aussen, desto
stärker die Solidarität im Innern. Lieber mit erhobenem Haupte untergehen,
als duckmäuserisch zu überleben.
Wäre dies anders, hätte sich der Vietcong wohl nicht in Südvietnam
etablieren können, damals, als mehr Bomben niedergingen als im ganzen
zweiten Weltkrieg. Die Menschen hätten sich nicht mit jenen solidarisiert,
deren Ausbreitung die Eskalation des Krieges bedeutete. Doch genau das taten
sie. Um jeden Preis.
Doch nichts scheint dem naiven Glauben beizukommen, ein Angriff von aussen
könnte die Opposition im Innern eines Landes stärken. Schon hören wir die
ominösen Spekulationen, mehr Druck auf den Iran könnte dazu führen, dass
sich die Menschen von Ahmadinejad distanzieren. Doch allein die
Sanktionsdrohungen haben seinen Rivalen den Garaus gemacht. Denn in
Krisenzeiten gilt: Right or Wrong - My Country.



