Schirrmacher und das Timing


Es kommt gerade recht, das neue Werk von Frank Schirrmacher. Während die
grosse Verunsicherung über den Umgang mit Immigranten die Feuilletons
beherrscht, Politiker nach kultureller Abgrenzung suchen und die Angst vor
Parallelgesellschaften zunimmt, wuchtet der Mitherausgeber der FAZ erneut
das Demographieproblem in den Fokus der Gesellschaft. Dadurch rücken zwei
voneinander unabhängige Phänomene in ein Bezugsfeld; was beiden gut bekommen dürfte.

Wenn es denn so ist, dass sich Zugewanderte und deren Familien nicht in der
gewünschten Form unserer Kultur öffnen und sie sich aneignen, stattdessen
ihre eigene pflegen und mit unserer kollidieren, dann liegt die Antwort auf
dieses Phänomen wohl nicht im Abbau pädagogischer Angebote und der
Vergrösserung von Klassen. Keine Institution hat so viel Einfluss auf die
Sozialisation wie die Schule. Die Assimilation von Immigranten an unsere
Werte funktionierte auch vor 50 Jahren über deren Kinder, die Secondos. Es
ist fahrlässig, das integrative Potential der Schule zu missachten. Wer aber
von der Problematik des Sparens im Bildungswesen nicht reden will, soll von
Parallelgesellschaften schweigen.

In immer kürzeren Intervallen holen uns die bedrohlichen Szenarien einer
schrumpfenden Gesellschaft ein und resultieren doch in nicht viel mehr als
der möglichen Vereinheitlichung der Kinderzulagen. Wenn es denn so ist, dass
die demographische Entwicklung unsere Wirtschaft, unsern Wohlstand, den
sozialen Frieden und schliesslich unsere Existenz bedroht, dann ist es wohl
unklug, aufgrund der Ausgabenbremse und der zögerlichen Nachfrage der
Kantone das Budget für Kindertagesstätten zusammenzustreichen. Es ist an der
Zeit, halbherzige Schritte zur Verjüngung der Gesellschaft durch
Meilensteine zu ersetzen. Und weil die durchschnittliche Kinderzahl auch im
besten Fall nur hinter dem Komma wachsen wird, sind wir angewiesen auf
Zuwanderung. Was uns wieder zurück zum Thema bringt, wie wir diese gestalten
wollen.

Schirrmachers Buch kommt deshalb die unfreiwillige Rolle zugesprochen, dass
es den offenbaren Überfremdungsängsten die Überalterungsangst
gegenüberstellt, und sie damit ein Stück weit neutralisiert. Denn es ist
tröstlich, die apokalyptische Vision eines ausgestorbenen Europas durch eine
aktive Immigrationspolitik abwenden zu können.


Wertekonsens und Opportunismus


Es herrscht viel Unruhe dieses Frühjahr in Europa. Ob dänische Karikaturen,
türkische Umfragen oder deutsche Einbürgerungstests –- die Gesellschaft macht
Mobil gegen potentielle und vermeintliche Gefahren für das aufgeklärte
Abendland. Was auf den ersten Blick wie das wiedergefundene
Selbstbewusstsein der säkulare Gesellschaft erscheint, wirkt auf den
zweiten etwas schief - nicht nur weil ein jeder Politiker sein Süppchen
darauf kocht. Auch deshalb, weil die Unterstützung für den
gesellschaftlichen Liberalismus aus ungewohnter Ecke kommt.

Da provoziert eine rechte Zeitung mit Karikaturen, die absehbar grosse
Empörung hervorrufen mussten, um sich flugs auf ein Recht zu berufen, das
einst von ideell anders gelagerten Geistern erkämpft wurde: Die
Pressefreiheit. Als Kind der Aufklärung wurde sie erstritten gegen jene, die
sich vor der Verbreitung unbequemer Wahrheiten schützen wollten, weil dies
ihren Status unterwanderte –- ergo die Mächtigen. Sie ist ein Werkzeug, dem
ein starkes idealistisches Moment innewohnt: Mehr Gerechtigkeit durch
Aufklärung der Machtlosen. Es ist bemerkenswert, dass diese humanistische
Errungenschaft nun auch von rechtskonservativen Zeitungen so vehement
verteidigt wird.

Überhaupt scheint es um fortschrittliche Werte gut zu stehen; wie
beispielsweise die Gleichberechtigung: Deutschland versucht sich mit
gezielten Einbürgerungstests, welche insbesondere das Rollenverständnis in
der Ehe beleuchten. Wer dabei eine etwas tradiertere Meinung kundtut, wirds
schwer haben mit der Einbürgerung im 68er begeisterten Deutschland.

Oder die sogenannte Homo-Ehe: Kaum jemand erinnert sich noch an die
Debatten, die das Gesetz der Rot-Grünen Bundesregierung vor zwei Jahren
begleiteten. Anders wäre die Selbstverständlichkeit auch nicht zu erklären,
mit der konservativ regierte Bundesländer heute die Toleranz Homosexueller
als Grundlage für den deutschen Pass erachten.

Es ist erstaunlich, mit welcher Verve sich manche Politiker für
individualistische Errungenschaften einsetzen, die sie noch vor kurzem als
hedonistischen Auswuchs der Postmoderne beargwöhnten. Wüsste mans nicht
besser, könnte man glauben, der Westen sein nun wirklich im Westen
angekommen.



Zum Thema: "Demokraten baden nackt" http://www.zeit.de/2006/13/Spitze_13

Hollywood n'éxiste pas


Die 78. Academy Awards sind verliehen, und wieder mal zeigte sich eine
gewisse Irritation in der europäischen Wahrnehmung Hollywoods. Nicht genug,
dass die Traumfabrik dieses Jahr mit durchwegs anspruchsvollen Werken ihre
glamouröse Party feierte; die ambivalente Befindlichkeit, die cinephile
Kreise diesseits des Atlantiks beim Wort Hollywood ergreift, wird durch
Clooney und Co. ein klein wenig ihrer Unschärfe entrissen. Denn Hollywood
ist längst zur Chiffre geworden, stellvertretend für alle möglichen und
ungeliebten Auswüchse der US-Kultur.

Hierzulande ziemt es sich, gegen Hollywood zu sein. Irgendwie. Wer kennt sie
nicht, die (angesichts der Heterogenität des französischen Kinos) doch eher
läppischen Sätze wie "ich liebe französische Filme", die viel mehr der
Identifikation und Distinktion seiner selbst dienen. Man möchte nicht als
Konsument dumpfer Kisten und weichzeichnender Romanzen gesehen werden, für
die Hollywood steht. Dass sich das kreative Epizentrum für Filmschaffende an
einem gleichnamigen Ort befindet, tut da nichts zur Sache.

Nun kommt es, dass ob der schieren Gravitation Hollywoods eben nicht nur
Geld, sondern auch Geist angezogen wird, und mit ihr auch unkonventionelle
und progressive Geister. Ihnen ist es zu verdanken, dass - bei allem Kommerz
- ein humanistischer Tenor den filmischen Output beherrscht (wenn nicht
gerade Mel Gibson das Zepter schwingt). Und ihretwegen wird in den USA
Hollywood als linksliberale Hochburg gesehen, die ein wenig "out of touch"
mit Mainstream America sei; dem konservativen, versteht sich.

Die Ironie will es, dass die Distanzierung von Hollywood auf dem Alten
Kontinent nicht von Konservativer, sondern von Linker Seite zu spüren ist.
Das wiederum hat viel mit Pro- und Antiamerikanismus zu tun und dem ganzen
Ballast, den der Kalte Krieg hinterlassen hat.

Wird Hollywood politisch, wird diese Chiffrierung Hollywoods brüchig, und
linksliberale Filmfreunde fühlen sich für einen kurzen Moment dem
ungeliebten Mekka seltsam nah; nicht aufgrund der schillernden Aura, sondern
wegen der weltanschaulichen Herkunft der meisten Filmschaffenden.

Jack Bauer und die Folter


Während sich der vierte Tag des TV-Knüllers „"24"“ auf SFzwei seinem Ende
zuneigt, der Superterrorist einmal mehr entkommen und die Bombe in der Luft
ist, die Nerven strapaziert und die vergangenen Episoden weit entfernt
scheinen, mag es überraschen, doch es gibt ihn, den roten Faden. Es ist das
Thema der Folter, das sich als Subtext durch die 24 Episoden zieht.

Immer wieder greift die Counter-Terrorist-Unit in dieser Staffel zu
Verhörmethoden, die wie ein Echo auf die Folterdebatte der letzten Monate
wirken. Sei es der Sohn des Verteidigungsministers oder die eigene
Mitarbeiterin - –niemand ist vor dem Verlust des Rechts auf körperliche
Unversehrtheit geschützt. Und als sei es die Absicht der Drehbuchautoren
werden wir Zuschauer mit sämtlichen Härtefällen konfrontiert, die in diesem
Zusammenhang vorstellbar sind: Die dringend Verdächtige, die trotzdem
Unschuldig ist; der Mitwisser, der trotz Folter nichts sagt; der Terrorist,
der erst danach singt und jene Schläferin, die gerade deshalb kooperiert,
weil ihr eine Alternative winkt.

Man schaut sich das an, fiebert in der Dramatik des Einzelfalls, des
„"Ticking-Bomb-Cases"“ - und findet sich unversehens mit der Frage
konfrontiert, wie man es denn so hält, mit der Folter. Im Extremfall,
versteht sich. Es ist ein Verdienst der Serie, dass sie es dem Zuschauer
nicht leicht macht mit der Antwort.

Jack Bauer versucht mit seinem unzimperlichen Vorgehen ein „"grosses Unrecht“"
mit einem „"kleinen Unrecht“" zu verhindern. Das hat viel mit pragmatischem
„Common Sense“ zu tun -– aber unterläuft die Prinzipien des Rechtsstaates,
dessen Kern die Menschenwürde ist, und mit ihr die Unschuldsvermutung bis
zum Beweis des Gegenteils. Doch dafür hat Jack bei seiner Rettung der Welt
keine Zeit.

Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob er Jack’s Vorgehen billigt; das Drama
bleibt ambivalent, lässt die Figuren die Pros und Contras formulieren.
Letzteres ist pikanterweise der Part seiner Freundin, die einiges von Jack’s
Vollstreckertum mitbekommt.

Durch die permanente Zuspitzung, dem drohenden Gau, karikiert "„24"“ eine Welt
in Angst, die durch wiederkehrende Terrorwarnungen in Schach gehalten wird.
Und während der Westen die Kollateralschäden des Kampfes gegen den
Terrorismus in Form von versehrten Menschenrechten konstatiert, hält uns
Hollywood mit Twentyfour den Spiegel vor mit der Frage, wie unantastbar die
Menschenwürde denn nun ist. Wenn’s richtig dick kommt.


Eine Lanze für die SRG

Neulich schaute ich mir auf RTL den Eminem-Film an. Genau, 8 Mile. Eigentlich hätt ich ihn gern genossen, doch das Free-TV hats mir nicht gegönnt und ihn
dermassen verunstaltet, dass ich mich schon verzweifelt im Altpapier nach
digital-TV-Flyers kramen sah. Dabei sprech ich hier nicht mal von der Unterbrecherwerbung, die sich an halbwegs akzeptable Intervalle hält, und die man für allerlei nutzen kann. Altpapier schnüren, zum Beispiel.

Nein, wirklich ärgerlich ist die Unart der Privaten, während eines
cineastischen Leckerbissens den Zuschauer mit Einblendungen zu belästigen.
Wie die Programmhinweise, die hartnäckig versuchen, die Aufmerksamkeit des
Zuschauers vom Programm abzulenken, indem man ihn auf ein weiteres hinweist.
Allein darin manifestiert sich eine doppelte Verachtung, für Publikum und
Programm. Fürs Publikum, weil es als blosse Einschaltquote missbraucht wird.
Und für das eigene Programm, weil es nur Mittel zum Zweck ist: Die Kunst als
Werbeträger.

Übertroffen wird die televisionäre Niedertracht nur am Schluss eines
verhinderten Filmvergnügens: kaum erscheint die letzte Einstellung mit dem
Abspann - jener Moment, in dem man sich innerlich vom Werk verabschiedet
und, sässe man im Kino, die Eindrücke zu ordnen beginnt - wird man jäh aus
der Geschichte gekippt und mit gänzlich unpassenden Kontrasten malträtiert.
Wüsste mans nicht besser, man würde denken, die von der Regie machen sich
einen Spass daraus. Sowas kostet Nerven, und das nicht zu knapp. Free-TV?
Pustekuchen.

Nun feiert die SRG SSR ihr 75-jähriges Jubiläum und wünscht sich einen
öffentlichen Dialog über den audiovisuellen Service Public. Dazu hat sie ein
Forum eingerichtet: Auf www.mitreden.ch sollen die SRG-Programme und deren Weiterentwicklung diskutiert werden. Eine tolle Sache. Nur habe ich festgestellt, dass mein Blick auf die SRG nach meinem jüngsten Ausflug in die Niederungen des deutschen Privatfernsehen arg Schlagseite bekommen hat: Ich möchte, dass alles so bleibt wie es ist: relevante Infosendungen, exquisite Filme und Serien in 2-Kanal-ton (mit Abspann), spannende Diskussionen über wasweissich, die besten Radioreportagen, Deal or no deal ist geschenkt.

Wem das nun etwas unambitioniert erscheint: Einverstanden, mehr von all dem (ausser dem letztgenannten). Und weiterhin Sorgfalt bei der Unterbrecherwerbung. Auch wenn sich darob das ungebündelte Altpapier türmen wird.